Das Ruhrgebiet lebt

„Das Ruhrgebiet lebt“ – „Wir im Pott“ – „Metropole Ruhr“ … nicht endende Versuche einer Beschreibung dessen, was das Ruhrgebiet ausmachen soll. Das Ruhrgebiet – ist Lebensraum für fünf Millionen Menschen und mit einer Fläche von 4.400 km² doppelt so groß wie das Saarland. Größter Ballungsraum Deutschlands und fünftgrößter Ballungsraum Europas.

Maßgeblich bestimmt werden die Grenzen, die Höhen, die Weiten und die Tiefen vom Regionalverband Ruhrgebiet, aber nur als Fachinstanz zur Entwicklung von Raumnutzungsplänen. Der Regionalverband Ruhrgebiet war und ist eine politisch umstrittene Einrichtung und wird vom Kritiker nach wie vor gerne zum Zweckverband degradiert.

Der Regionalverband Ruhrgebiet mutierte aus dieser schwachen Rolle heraus zum schwachen Kulturförderer des Ruhrgebiets. Er soll prägende Impulse setzen und dem Ruhrgebiet ein positives Image verschaffen. Metropole Ruhr – großartige Vergleiche zu anderen Metropolen wie London, Paris, Moskau oder Istanbul wurden in überdimensionierten Kampagnen der Öffentlichkeit vorgestellt.

Die Kampagnen des Regionalverband Ruhrgebiet blieben aber wohl eher bei Metropole Wattenscheid und Metropole Castrop-Rauxel stecken. Statt ein Bewusstsein für die Ruhr-Metropole zu entwickeln bewegten sich die „Ruhrbürger“ lieber zum örtlichen Straßenverkehrsamt, um ihre ungeliebten BO-Kennzeichen in ein WAT-Kennzeichen oder ihre ungeliebtes RE-Kennzeichen in CAS-Kennzeichen umzutauschen.

Die Ruhr-Metropolis konnte trotz aller Bemühungen bisher nicht geschaffen werden. Es blieb beim bunten Prospektentwurf einer europäischen Kulturhauptstadt. Leere Stadt- und Staatskassen lassen nur noch wenig Platz für eine nachhaltige Kulturpolitik. Dazu tragen sicherlich auch die ewigen Eifersüchteleien geprägt durch die historisch unterschiedlich gewachsenen Strukturen im Ruhrgebiet bei. Sie vereiteln nicht unerheblich gemeinsames Handeln für den sozialen, wirtschaftlichen und kulturellen Fortschritt in dieser Region. Dazu kommt die ewige Konkurrenz zwischen dem Rheinland und Westfalen, die immer wieder verhindert, was viele auch gar nicht wollen.

Das Ruhrgebiet wird gerne als Revier der tausend Dörfer bezeichnet. In früheren Zeiten musste man an Stadt- oder Gemeindegrenzen umsteigen, weil die Schienensysteme der städtischen Straßenbahngesellschaften nicht untereinander kompatibel waren. Das Problem ist heute technisch gelöst, aber die emotionalen Schienen sind in vielen Köpfen geblieben. Insofern verwundert es nicht, dass der vertraute Stadtteil und die dazugehörige Landmarke (früher waren es die Kirchen, dann die Fördertürme und heute …?) die unsichtbaren und scheinbar unüberwindbaren Reviergrenzen im Ruhrrevier bestimmen.

Oft waren und sind es die Grenzen zwischen arm und reich, religiöse Grenzen oder nationalitätsbestimmte Grenzen, die ein soziales und kulturelles Zusammenwachsen der Ruhrregion an vielen Stellen erschweren. Und es gibt nicht wenige Menschen, denen das verordnete Ruhrgebietsimage fremd geblieben oder fremd geworden ist. Denn bei weitem spüren nicht alle z.B. ihre angeblich tiefe Verbindung zum Bergbau, zum Sportverein oder zur Heimatscholle im Kleingarten. Da freut man sich lieber auf das internationale Konzertevent im Alfried-Krupp-Saal oder auf das Wochenende in Köln oder in Amsterdam.

Da wäre noch die Sache mit dem Lebensgefühl. Da gab es die großen Events, die das Ruhrgebiet und seine Menschen dann doch für Momente tief verbanden. Insofern ist die Cranger Kirmes sicher so ein Moment, genauso wie es die Veranstaltungen der IBA Emscherpark, Ruhr.2010, Extraschicht, die Ruhrfestspiele oder die Ruhrtrienale sind.

Sicherlich ist das Ruhrgebiet nicht die Kulturhauptstadt Europas, vielleicht  eher eine kulturell interessante Region. Zwei Jahre nach Ruhr.2010 zog die Frankfurter Allgemeine Zeitung ihre Bilanz und skandierte „Gestern noch Kulturhauptstadt, heute Armenhaus der Republik“ (FAZ 11.04.2012). Der Vergleich der „Ruhrgebietsmacher“ mit den glanzvollen Metropolen Europas war und ist anmaßend – … abba schööön wäret doch so … – na und ein bisschen ist es auch so. Jedenfalls habe ich auch heute Nachmittag wieder beim Gang durch die Bochumer Innenstadt festgestellt, – das Ruhrgebiet lebt.